Saint Thomas
SAINT THOMAS IST TOT.
ein Nachruf von Andreas Körner.
Er war ein Lieblings-Norweger
Der Singer/Songwriter Thomas Hansen alias Saint Thomas ist tot
Die großen Feuilletons werden es nicht beachten. Sie haben schon Chris Whitley vergessen, sind kaum den Spuren von Elliott Smith gefolgt oder denen von Nikki Sudden. Dann, als sie gestorben sind. Abgetreten von den Bühnen, die – zugegeben – immer kleinere Abmessungen hatten oder manchmal gar keine waren, weil diese großartigen, herzstreichelnden Singer/Songwriter auch schon mal auf Kneipenböden standen, mit den Gitarren umgehängt, oft gar ohne Mikrofon. Auch Thomas Hansen war nicht Lee Hazlewood. Aber er war ein Guter. Er war einer unserer Lieblings-Norweger. In der Nacht zu Dienstag ist Hansen, der sich – als Zeichen für seine Verschmitztheit – das Heiligensymbol „Saint“ verliehen hatte gestorben. Die Presseagenten teilten dies nüchtern wie nachvollziehbar fassungslos mit, weil Betreuung hier auch Freundschaft heißt. Die näheren Umstände seien unklar.
An dieser Stelle sollen Mutmaßungen und Spekulationen hintenanstehen. In Dresden haben die Konzertveranstalter Heiko Wolfram (Star Club) und Paul Simang (Scheune) Thomas Hansen in den letzten Jahren immer wieder eingeladen, oft auch in schwindelerregend kurzen Abständen, seit er mit der zeitlos schönen und sinnreich betitelten Platte „I’m Coming Home“ 2001 aus Fjordland aufgebrochen war. Heiko und Paul und einige enge Fans werden vielleicht etwas ahnen, weil sie von Hansens inneren Kämpfen wussten, davon, dass er nicht viel mehr wollte, als Lieder zu schreiben, sie zu singen, ein treues Label zu haben und davon leben zu können. Er war darin sicher nicht einfach, doch warum sollte er es gewesen sein? Der Stachel saß tief, als die Irretationen mit seinem verdienstvollen Entdeckerlabel City Slang überhandnahmen und er daraufhin alle vermeintlichen Sicherheiten aufkündigte. Den kürzlichen Globalisierungsverkauf der Firma, bei der er u.a. Calexico, Sophia, Lambchop und Sue Garner zu seinen Nachbarn zählen konnte, hat er noch mitbekommen. Beim Düsseldorfer Make My Day Records fand Saint Thomas eine neue Heimat, er kooperierte mit ihr, auch als er im Vorjahr sein eigenes Label Cornerman Records an den Start schickte. Er verstand diesen Schritt als „Opposition gegen all die Falschspieler im Geschäft.“ Er wollte das „Pure, Unverstellte, Klare und Unschuldige“ zurück, in einer Zeit, die „Bubblegum zelebriert, Musik, die heute gemacht wird, um morgen verschleudert zu werden.“
Im Februar dieses Jahres erschien Hansens sechste, nun also bitterletzte CD, wiederum sinnig betitelt: „There’s Only One Of Me“. Wenig später spielte er mit Band sein letztes Dresden-Konzert. Hier, wo er zunächst „vorbandelte“ für Madrugada und Lambchop, wo er begeisternde, aber auch leicht ernüchternde Auftritte mit eigener kleiner Gruppe hatte, zu der seine Freundin gehörte, sein bester Freund Karim und sein Vater – im Backstage. Vielleicht, um doch nochmal zu mutmaßen, ist Hansens Herz einfach stehen geblieben. Einfach so. „Ja, ich bin speziell“, sang er, „aber das tut auch weh.“
Thomas Hansen war ein Herbsüßer. Er hatte die US-amerikanische Singer/Songwriter-Tradition aufgesogen, und das meint, dass er sein Ich, seine ureigenen Gedanken und Emotionen zum Inhalt seiner Lieder gemacht hat, seine Reisen in Länder und sein Innenleben, seine Träume und sein Bangen. Zuletzt war diese Selbstreflexion trauriger und dunkler denn je, wo er noch Jahre zuvor vor allem voll von ansteckender Fröhlichkeit gewesen war. Ein Schelm gar, einer, der mit seiner hellen Stimme lustvoll am Neil-Young-Etikett nestelte, das man ihm ankleben wollte. Es blieb Folk, Folk-Pop, gemütlich geschrammelt mit akustischer Gitarre, Melodika, Akkordeon, Mandoline, Mundharmonika, aber die Texte legten an ungewöhnlicher Schärfe zu: „Woraus sind die Menschen gemacht? Ich versteh’s nicht. Sie rennen rum wie gut geölte Maschinen. Nur die Stärksten überleben. Ich mach’ da nicht mit, lieber will ich eine Schildkröte sein.“
Saint Thomas war ein Eigenbrötler, ein Do-it-Yourselfer im guten Sinne. Mit 20 gründete er Emily Lang, seine erste Band in Bergen, erst als Duo, dann als Quintett. Es hielt nicht lange. Er arbeitete als Postbote und brauchte eine langen Atem dafür. Erst als „I’m Coming Home“ in die norwegischen Charts einstieg, die immer wieder Lücken für Typen wie Hansen offenbaren, ging es aufwärts mit ihm und seiner Bekanntheit. Und, ganz persönlich gesagt, es war wunderbar, ihn erlebt und ein klein wenig gekannt zu haben.
Beim Aufklappen besagter Debüt-CD fällt mir gerade wieder der Cover-Spruch ins Auge: „St. Thomas ist 25 Jahre alt. Er wurde in Oslo geboren. Sein Herz erwärmt sich, wenn du seine Musik magst. Bitte pass’ auf ihn auf.“ Vielleicht hat Thomas Hansen genau das zu wenig beachtet: Auf sich aufgepasst. Doch jetzt ist kein Platz für ein Vielleicht. Jetzt ist nur Traurigkeit.
Andreas Körner